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Die Schöpfung ist abgeschlossen: warum Vorstellen kein Erfinden ist

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Es gibt einen Satz, der leicht wie ein frommer Spruch klingt: Die Schöpfung ist abgeschlossen. Man hört ihn und denkt an Kirchenfenster, an ein fertiges Werk, an einen Gott, der sich am siebten Tag zurücklehnt. Doch gemeint ist etwas viel Schlichteres. Es ist keine Glaubensbehauptung, die Du auf Treu und Glauben schlucken sollst. Es ist eine Folgerung. Sie ergibt sich einfach daraus, wie Bewusstsein arbeitet.

Schauen wir uns das nüchtern an.

Was “erschaffen” eigentlich heißt

Wenn etwas erschaffen wird, dann bedeutet das: Es war vorher nicht da und ist jetzt da. Etwas kommt aus dem Nicht-Sein ins Sein. So benutzen wir das Wort im Alltag.

Aber überleg einmal, was das voraussetzt. Damit etwas aus dem Nicht-Sein käme, müsste es zuvor im Nicht-Sein existiert haben. Und genau da beginnt das Wort zu wackeln. Was nicht existiert, kann nicht gedacht werden. Es kann nicht wahrgenommen, nicht vorgestellt, nicht einmal angedeutet werden. Es ist ja nichts, woran Dein Bewusstsein andocken könnte.

Und trotzdem stellst Du Dir dauernd Dinge vor. Eine Version von Dir, die gelassener ist. Eine Wohnung mit Licht am Morgen. Ein Gespräch, das anders läuft als das letzte. Ein Beruf, der sich nicht nach Widerstand anfühlt. Du kannst das alles vor Deinem inneren Auge sehen, ohne Mühe.

Und genau das ist der springende Punkt. Wenn Du es Dir vorstellen kannst, dann kann es kein Nichts sein. Etwas, das gar nicht ist, könntest Du nicht vor Dir sehen.

Nicht-Existenz kann nicht existieren

Dieser eine Gedanke reicht schon aus. Nicht-Existenz kann nicht existieren. Das klingt wie ein Wortspiel, ist aber eine ziemlich harte Konsequenz.

Alles, was gedacht oder vorgestellt werden kann, muss in irgendeiner Form bereits sein. Sonst gäbe es schlicht nichts, womit Dein Bewusstsein in Berührung käme. Die Vorstellung braucht einen Gegenstand. Wo kein Gegenstand ist, ist keine Vorstellung, sondern nur Leere. Aber Deine Vorstellungen sind nicht leer. Sie haben Form, Farbe, Stimmung, manchmal einen ganzen Geruch.

Daraus folgt etwas Unbequemes und zugleich Befreiendes: Vorstellen ist kein Erfinden. Du erschaffst dabei nichts aus dem Nichts. Du greifst auf etwas zu, das innerlich schon da ist. Vorstellen ist eher ein Sehen als ein Bauen.

Deshalb ist die Schöpfung abgeschlossen

Jetzt bekommt der große Satz seine schlichte Bedeutung. Abgeschlossen heißt nicht, dass in der äußeren Welt schon alles passiert ist. Dein nächster Sommer liegt noch vor Dir, das Gespräch von morgen hat noch nicht stattgefunden.

Abgeschlossen heißt: Es gibt nichts, das erst noch aus dem Nichts entstehen müsste. Der ganze Vorrat an Möglichkeiten ist bereits vorhanden. Nichts wird wirklich neu erschaffen. Es wird sichtbar gemacht. Was wir Schöpferkraft nennen, ist in Wahrheit ein Bewusstwerden. Du wirst Dir nach und nach immer größerer Teile dessen bewusst, was ohnehin schon ist.

Das verändert die Haltung völlig. Du musst nicht mehr etwas herbeizwingen, das es angeblich noch gar nicht gibt. Du wählst aus, was Du für wahr hältst und worin Du innerlich wohnst.

Es zu wünschen heißt es zu besitzen

Neville hat es zugespitzt: Es zu wünschen heißt es zu besitzen. Beim ersten Hören klingt das nach Wunschdenken, nach einem Trostpflaster. Ist es aber nicht.

Denk noch einmal an die Kette von vorhin. Dein Wunsch nach etwas kann überhaupt nur entstehen, weil das Gewünschte bereits ist. Du sehnst Dich nicht nach dem Nichts. Du sehnst Dich nach einem Zustand, den Du in Dir schon berühren kannst, sonst hättest Du keinen Begriff davon. Der Wunsch selbst ist der Beweis, dass die Sache existiert. Er ist die Spur, die von etwas Realem zurückführt.

Deshalb ist der Wunsch kein Zeichen von Mangel. Er ist ein Zeichen von Nähe. Was Dich ruft, ist schon da. Du bist ihm nur noch nicht bewusst begegnet.

Das Außen kommt zeitversetzt

Warum sehen wir dann nicht sofort, was wir uns vorstellen? Weil das Äußere immer etwas hinterherhinkt. Es zeigt den Zustand zeitversetzt, und zwar dann, wenn Du ihn wirklich bewohnst. Nicht, wenn Du ihn kurz besuchst wie einen Schaukasten, sondern wenn Du in ihm lebst, als wäre er selbstverständlich.

Innerlich war dieser Zustand nie neu. Er war nur oft nicht bewusst gewählt. Du hast ihn nicht als Deine Identität beansprucht, sondern nur von außen betrachtet und über ihn nachgedacht. Der Unterschied zwischen “ich denke über dieses Leben nach” und “ich lebe aus diesem Leben heraus” ist der ganze Unterschied. Im ersten Fall stehst Du vor dem Bild. Im zweiten Fall stehst Du darin und schaust von dort aus in die Welt.

Genau dieses Hineingehen ist die Arbeit. Nicht Anstrengung, sondern Umzug. Du ziehst von einem Selbstbild in ein anderes und bleibst dort, bis es sich normal anfühlt.

Was Du damit anfangen kannst

Probier es an einer kleinen Stelle aus, nicht am größten Traum Deines Lebens. Wähle einen Zustand, den Du gerne bewohnen würdest. Ruhe am Morgen. Ein leichteres Verhältnis zu einem Menschen. Ein Gefühl von Genug.

Stell es Dir nicht vor, als würdest Du es von außen betrachten. Geh hinein. Sieh mit den Augen dessen, der es schon hat. Merke, wie Du sprichst, wie Du atmest, worauf Dein Blick fällt, wenn diese Sache selbstverständlich ist. Und dann bleib eine Weile dort, ohne zu prüfen, ob es schon geklappt hat.

Du wirst bemerken, dass Deine Aufmerksamkeit sich zu ordnen beginnt. Sie sucht Bilder, die zu dem Zustand passen, in dem Du wohnst. Das ist kein Trick. Das ist einfach die Route, der Dein Blick folgt, sobald Du eine Annahme wirklich angenommen hast.

Alles, was Du Dir vorstellen kannst, ist real. Nicht als schöner Spruch, sondern als nüchterne Beschreibung dessen, was in Dir längst vorhanden ist. Deine Aufgabe ist nicht, es zu erfinden. Deine Aufgabe ist, es zu bewohnen.